Psychologie trifft Zeitgeschichte oder: Was wisst ihr über den Hamburger Feuersturm?
Am 15. Juni 2026 hat der Psychologiekurs aus Jahrgang 10 von Frau Maschke den neunten Klassen und weiteren Interessierten eine Präsentation mit Musik- und Filmbeispielen vorgestellt. Das Thema der Präsentation war die Verknüpfung von Psychologie mit einem Teil der jüngeren deutschen Geschichte. Die Zeit zwischen 1933 und 1945, also die Zeit des Nationalsozialismus bis hin zum Zweiten Weltkrieg, ist auch aus psychologischer Sicht interessant, weil durch erlittene Traumata während des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust oft psychische Krankheiten aufgetreten sind. Diese wurden jedoch häufig nicht erkannt und konnten dadurch erst Generationen später aufgearbeitet werden.
Weil die Bombardierung Hamburgs und der dadurch entfachte Feuersturm vom Juli 1943, durch den besonders der Hamburger Osten flächendeckend zerstört wurde, ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte der Stadt darstellt und bis heute im Stadtbild erkennbar ist, war dieses Thema eins der Schwerpunkte unserer Projektarbeit. Dabei haben sich im Kurs Kleingruppen gebildet. Jede hatte jeweils ein spezifisches Thema vorbereitet wie z.B. die mit dem Krieg verbundene Vaterlosigkeit oder die transgenerationale Weitergabe von Traumata (also die Vererbung von Traumata über mehrere Generationen) und die Möglichkeiten der Trauma-Therapie.
Am Beispiel historischer und aktueller Fotos konkreter Gebäude, z.B. der Karstadt-Kaufhäuser Wandsbek Markt und Hamburger Straße, wurde erläutert, wie sich das Stadtbild Hamburgs durch die Zerstörung im Feuersturm gewandelt hat. Begleitend haben wir Film-Auszüge gezeigt, zum Beispiel von dem Liedermacher Wolf Biermann (Jahrgang 1936), der als Kind den Hamburger Feuersturm überlebt hat und dies in Liedern verarbeitet hat, sowie von Hape Kerkeling (Jahrgang 1964), der kürzlich auf der Gedenkfeier zur Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald am 13. April dieses Jahres eine bewegende Rede gehalten hat.
So darf neben dem Leiden der Zivilbevölkerung jeder von Bombenangriffen betroffenen Stadt nicht die Perspektive der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung übersehen werden und auch nicht vergessen werden, dass das nationalsozialistische Deutschland den Angriffskrieg 1939 selbst begonnen hatte und seitdem viele Städte z.B. in Polen, den Niederlanden und Großbritannien bombardiert hatte. Exemplarisch wurde daher der Propagandafilm „London can take it“ analysiert, durch den die britische Bevölkerung während der andauernden Bombardierungen Londons von September 1940 bis Mai 1941 zum Durchhalten ermutigt werden sollte. Außerdem sollte das Signal nach außen gesendet werden, dass das angegriffene Land sich nicht aus der Ruhe bringen lasse, ganz in Einklang mit der bis heute erkennbaren britischen Mentalität des „Keep calm and carry on“.
So deckte die Präsentation ein breites Spektrum von Themen ab, um ein möglichst differenziertes Bild davon zu zeichnen, was Krieg für die Zivilbevölkerung bedeutet und wie nachhaltig die Traumata alle vom Krieg betroffenen Familien auch Generationen später noch prägen können. (Jakob F./ Frau Maschke)
Publikum
Die Präsentierenden
Max Raphael Jakob
Präsentation Wiederaufbau
Warum Psychologie und Zeitgeschichte?
Psychologie und Zeitgeschichte scheinen zuerst Themen zu sein, welche nicht direkt miteinander in Verbindung gebracht werden. Doch wenn man sich einmal mit den Themen auseinandergesetzt hat oder unsere Präsentation gesehen hat, sollte die Verbindung zueinander klarer geworden sein.
Die Zeitgeschichte – also historische Ereignisse der jüngeren Vergangenheit, über die noch von lebenden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen berichtet werden kann, wie z.B. der Feuersturm vor 83 Jahren – hinterlässt Spuren in den Menschen wie im Stadtbild. Kritische historische Ereignisse bringen immer auch Auswirkungen auf die Gesellschaft und das einzelne Individuum mit sich. Es können physische Auswirkungen sein, z.B. ein zerstörtes Zuhause und körperliche Verletzungen, oder aber auch psychische Auswirkungen, welche sich durch Trauma-Folgen wie Flashbacks und Angstzustände ein Leben lang bemerkbar machen können.
In vielen Fällen – wie bei dem von uns vorgestellten Liedermacher Wolf Biermann, der in diesem Jahr 90 Jahre alt wird – beeinflussen die Geschehnisse in der Vergangenheit den Menschen bis in die Gegenwart hinein und stellen einen klaren Wendepunkt im Leben dar. Aber auch die Menschen nach dieser Zeit, die Kinder und Enkelkinder, spürten die Folgen der Ereignisse. Einerseits politisch und wirtschaftlich, zum Beispiel durch die Nahrungsmittelknappheit nach dem Krieg und die zerstörten Städte, aber auch durch die Weitergabe von Traumata der Kriegsgeneration an die nachkommenden Generationen.
Zu dieser Kombination aus Psychologie und Zeitgeschichte gab es seit 2006 am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf auch schon das Projekt „Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms 1943 und ihre Familien“. Der Schritt, von traumatischen Ereignissen der Vergangenheit zu erzählen, kann für viele Betroffene sehr schwer sein, da dies zu Flashbacks führen und tief verwurzelte Ängste wieder aufwühlen kann. Daher haben in diesem Forschungsprojekt Forschende aus der Geschichtswissenschaft mit Psychoanalytikerinnen und -analytikern zusammengearbeitet, die solche belastenden Emotionen auffangen können.
Die Verbindung der Zeitgeschichte der Psychologie ist also eine sehr sinnvolle Kombination. Sie hilft uns die Ereignisse der Vergangenheit auf zwei Ebenen zu verstehen: Die Geschichte erzählt uns, was genau zu der Zeit geschehen ist, und wertet dafür Quellen in Archiven aus. Die Psychologie versucht das Handeln und Fühlen der Menschen zu erklären und die Auswirkungen des Erlebten bis zur Gegenwart verständlich zu machen. (Janne P.)
Janne Wolf Biermann
Rede Hape Kerkeling
Auswertung der Stellwände
Vor Beginn der Präsentation haben wir vier Stellwände aufgestellt, die vom ankommenden Publikum bearbeitet werden sollten. Auf jeder Stellwand wurden zwischen 31 und 39 Klebepunkte angebracht. Die zusätzlich bereitgestellten Karteikarten, auf denen weitere Details genannt werden sollten, wurden nur in wenigen Fällen und in der Regel wenig ausführlich ausgefüllt. Hier folgt unsere Auswertung der Ergebnisse, sortiert nach den zu beantwortenden Fragen.
Wie viel wisst ihr über den Hamburger Feuersturm? Was wisst ihr über den Hamburger Feuersturm?
Die Auswertung zeigt, dass die meisten Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen nur sehr wenig Vorwissen zum Hamburger Feuersturm hatten. Auf der Skala von 0 bis 10 ordnete sich der Großteil im unteren Bereich (0–2) ein. Außerdem bezog sich das auf den Karteikarten genannte Wissen meist nur auf allgemeine Stichworte wie Bombenangriffe, Brände oder Angriffe auf Kirchen wie das heutige Mahnmal St. Nikolai in der Innenstadt. Konkrete Kenntnisse über die Ursachen, den Ablauf, die Folgen und die Bedeutung des Feuersturms waren kaum vorhanden. Da das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler überwiegend aus einzelnen Schlagworten bestand, bot das Projekt die Möglichkeit, ein umfassenderes Verständnis des Hamburger Feuersturms und seiner Folgen zu entwickeln. Die Lernenden konnten ihr Wissen über die Ereignisse, die Auswirkungen auf die Bevölkerung sowie die historische Einordnung deutlich erweitern und Zusammenhänge besser verstehen. (Greta S.)
Habt ihr dieses Schild schon mal gesehen?
Überraschend war, dass deutlich mehr Personen angegeben haben, das Schild „Zerstört 1943 / Aufgebaut 1956“ noch nie gesehen zu haben, obwohl es eine wichtige historische Bedeutung besitzt. Das Schild erinnert an Häuser, die während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurden und anschließend mit staatlich geförderten Mitteln wieder aufgebaut wurden. Außerdem zeigt es das Datum der Zerstörung und des Wiederaufbaus, wobei man beim genaueren Betrachten sehen kann, wie lange der Wiederaufbau am Ende eigentlich gedauert hat. Gerade weil diese Schilder an sehr vielen Gebäuden angebracht sind und einen direkten Bezug zur Geschichte Hamburgs haben, hätten wir erwartet, dass sie mehr Menschen auffallen und bekannter sind.
In unserer darauffolgenden Präsentation haben wir das Schild und seine Bedeutung kurz erklärt. Dadurch konnten die Personen, die das Schild vorher nicht kannten oder nicht wussten, wofür es steht, neue Informationen erhalten und ein besseres Verständnis dafür entwickeln. Gleichzeitig wurde deutlich, dass solche Erklärungen wichtig sind, um historische Ereignisse und ihre Bedeutung im Alltag stärker ins Bewusstsein zu rücken. (Lilli K.)
Wie viel glaubt ihr über Trauma zu wissen? Glaubt ihr Trauma ist vererbbar?
Uns hat überrascht, dass die meisten Schüler ihr Wissen über Traumata eher im mittleren bis höheren Bereich eingeschätzt haben, obwohl das Thema oft nicht ausführlich im Unterricht behandelt wird. Außerdem waren wir überrascht, dass deutlich mehr Schüler glaubten, dass Traumata nicht vererbbar sind. Die Umfrage hat gezeigt, dass viele Menschen bestimmte Vorstellungen über Traumata haben, die nicht immer mit wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmen. Dadurch haben wir verstanden, wie wichtig Aufklärung über psychologische Themen ist und dass unterschiedliche Menschen ein Thema ganz unterschiedlich einschätzen können. (Lena K.)
Wie viel wisst ihr darüber, was eure Familien oder Vorfahren im Zweiten Weltkrieg erlebt haben?
Beim Blick auf die Ergebnisse der Frage, wie viel die heutigen Jugendlichen von ihren Vorfahren wissen, überrascht vor allem die extreme Spaltung der Gruppe und der dichte Cluster von Punkten am ganz linken Rand. Wir haben nicht erwartet, dass eine so große Anzahl von Personen angibt, überhaupt gar nichts (Wissensstufe 0) über die Erfahrungen ihrer Familie im Zweiten Weltkrieg zu wissen. Gleichzeitig überrascht im positiven Sinne, dass es mitten in dieser Unwissenheit vereinzelte Spitzen nach oben bis zur 8 gibt. Niemand bewegt sich im absoluten Maximum, was zeigt, dass selbst bei vorhandenem Wissen überall noch blinde Flecken existieren. (Meliha I.)
Wie sieht es mit dem Wissenzuwachs des Publikums aus?
Bei einer Befragung der neunten Klassen in der Woche nach unserer Präsentation stellte sich heraus, dass ein Großteil der Schülerinnen und Schüler mit mehr Wissen aus dem Projekt gegangen ist und dass vor allem der persönliche Teil der Präsentation sehr eindrucksvoll war. Am Beispiel von Finjas Großvater wurde deutlich, wie bereichernd es sein kann, mehr über die eigene Familiengeschichte zu erfahren. Ein einzelnes Schicksal – das eines kleinen Jungen, der seinen Vater nie kennengelernt hat, weil dieser noch vor seiner Geburt 1943 im Krieg gefallen ist – kann gleichzeitig sehr viel über die Zeitgeschichte erzählen. Zum Schluss der Präsentation ermutigte Finja das Publikum, selbst aktiv zu werden und in der eigenen Familie zu erfragen, inwieweit diese vom Zweiten Weltkrieg – oder auch anderen kriegerischen Ereignissen der jüngeren Geschichte – betroffen sein könnte. Wenn wir auf diese Weise einen Dialog zwischen den Generationen anstoßen konnten, können wir unser Projekt bereits als Erfolg betrachten.
Der Wahlkurs Psychologie (Jg. 10) von Frau Maschke
Fotos: Finja, Selin, Frau Maschke











