Eine Gruppe von Kindern sitzt auf einer Plattform und applaudiert. Auf der Bühne stehen mehrere Performer in auffälligen Kostümen, darunter ein silberner Anzug. Im Hintergrund sind weitere Künstler und eine Klavierbank zu sehen. Die Szene wirkt lebhaft und festlich, mit einem modernen Bühnenbild.

Ein immersives Opern-Erlebnis oder: Wer hat Angst vor Karlheinz Stockhausen?

Seit seinem elektronisch verfremdeten „Gesang der Jünglinge“ von 1955 war Karlheinz Stockhausen (1928-2007) ein zentraler Vertreter der musikalischen Avantgarde nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihn umgab die Aura des Bürgerschrecks ebenso wie die des unnahbaren Gigantomanen. Anknüpfend an Richard Wagners Gesamtkunstwerke, schrieb er einen noch länger dauernden Opernzyklus, den insgesamt 29 Stunden dauernden Zyklus „LICHT: Die sieben Tage der Woche“. In Gänze ist dieser allerdings bis heute nicht aufgeführt worden.

An den Musikhochschulen war zu seinen Lebzeiten eine Auseinandersetzung mit Stockhausen unerlässlich, wenn man die zeitgenössische Musik besser verstehen wollte. Während meines Studiums in Hamburg hatte ich die Gelegenheit, Stockhausen im Rahmen einer Exkursion der Kompositionsklasse von Peter Michael Hamel nach München persönlich kennenzulernen. „Ich bin Physiker“, lautete sein damaliges Credo, das er uns Studierenden mitteilte. Bei seinem Sohn Markus Stockhausen, einem ausgebildeten Trompeter, habe ich an einem Improvisationsworkshop teilgenommen, den ich in sehr intensiver Erinnerung habe, weil das gemeinsame Musizieren sehr authentisch war und eine große emotionale Tiefe hatte.

Für mich war die Begegnung mit der zeitgenössischen Musik der Nachkriegs- Avantgarde immer sehr faszinierend, weil sie mir nicht nur ermöglichte, einen musikalischen Zugang zu den eigenen inneren Dissonanzen zu finden, sondern auch, weil sie die Schwierigkeiten versinnbildlichte, die Traumata des Zweiten Weltkriegs musikalisch zu verarbeiten. Auch die Familie Stockhausen war unmittelbar von nationalsozialistischer Verfolgung betroffen: Gertrud Stockhausen, die Mutter von Karlheinz, wurde 1941 aufgrund einer psychischen Erkrankung in der hessischen NS-Tötungsanstalt Hadamar ermordet.

Aber was hat Stockhausen heutigen Kindern und Jugendlichen zu sagen? Dieser Frage widmet sich die aktuellste Produktion von „Michaels Reise“ an der Hamburgischen Staatsoper, einem Auszug aus der Oper „Donnerstag aus Licht“, die für Kinder und Jugendliche inszeniert ist und in einem Raumschiff spielt. Alle sitzen mittendrin und tauchen ganz in die außergewöhnliche Klangwelt ein. Die Hauptperson wird von einem hervorragenden Trompeter (Paul Hübner) dargestellt, der viele verschiedene Arten von Dämpfern verwendet, um den Klang der Trompete zu verfremden. Umgeben ist er von einer Crew aus neun weiteren Musikerinnen und Musikern, die Blasinstrumente, Synthesizer und Perkussions-Instrumente spielen. Alle Klänge werden von der Klangregisseurin Kathinka Pasveer, die lange mit Stockhausen zusammengearbeitet hat, ausgesteuert. Aufgrund der großen Komplexität der Musik in Verbindung mit den Anforderungen an die schauspielerischen, gestischen und tänzerischen Qualitäten der Musikerinnen und Musiker werden Teile des Licht-Zyklus nur selten für die Bühne inszeniert. Umso bemerkenswerter ist die aktuelle Produktion an der Hamburgischen Staatsoper.

Der Wahlkurs Musik aus Jg. 8 hat die Aufführung am 22. April 2026 zusammen mit mir besucht und berichtet:

„Fasziniert hat uns, dass die Musiker, während sie ihr Instrument gespielt haben, so viel nebenbei machen konnten (z.B. auf den Boden legen) und dass sie so ernst bleiben konnten, obwohl es zwischendurch ziemlich lustige Szenen gab. Irritierend fanden wir, als manchmal so schrille, laute Töne kamen. Insgesamt war diese Oper eine tolle Erfahrung. Man hat gemerkt, wie viel Arbeit in das Stück gesteckt wurde, und es hat Spaß gemacht sich das anzugucken.“ (Anni und Lilli)

„Bei dem Stück hat mich fasziniert, dass die Musiker genau aufeinander abgestimmt waren – ohne einen Dirigenten – und sich, während sie die Instrumente gespielt haben, noch bewegen konnten und sogar mit dem Publikum interagiert haben, ohne die Rolle zu verlieren, und eigentlich alles, auch schwierige Teile des Stückes, auswendig konnten. Aber ich fand es etwas irritierend, dass viel gleichzeitig passiert ist und man manchmal nicht wusste, was es darstellen soll oder worauf man jetzt achten sollte. Aber insgesamt war es mal interessant es anzuschauen und mal eine andere Art von Oper kennenzulernen.“ (Estelle)

„Ich fand spannend, dass die Oper so viel mit Weltraum und kosmischen Klängen zu tun hat. Das hört man sonst nie. Ich hab vieles nicht verstanden, weil die Handlung echt seltsam ist. Manchmal wusste ich gar nicht, was da gerade passiert. Vieles war verwirrend, aber die Atmosphäre hat mich beeindruckt. Es war ein ungewöhnlicher, aber toller Aufenthalt in dieser Opernwelt. Die Musik war anders als alles, was ich kenne. Trotzdem war’s irgendwie cool.“ (Felix)

„Mich haben die unterschiedlichen Klänge sowohl fasziniert als auch irritiert. Durch die Mainstream-Musik ist man heute eher auf melodische Klänge fokussiert. Stockhausens Klänge werfen ein neues Licht auf die Musik. Ich habe viele neue Dinge gesehen, zum Beispiel die grünen Männchen, die das Boarding Personal darstellen sollten. Vor allem hat mich die Vielfalt und Kreativität fasziniert. Die Schauspieler verdienen meinen größten Respekt, denn ihre Leistung war einzigartig.“ (Jakob)

„Es hat wirklich viel Spaß gemacht. Aber mich hat irritiert, dass man sich nicht so gut konzentrieren konnte. Insgesamt war es eine besondere Erfahrung.“ (Kivanc)

„In dem Stück von Stockhausen für Kinder fand ich besonders faszinierend, wie alles gestaltet war, da es sehr außergewöhnlich wirkte. Beeindruckend war auch, dass die Figuren ohne Noten gespielt haben und dabei stets in ihrer Rolle geblieben sind. Allerdings hat mich etwas irritiert, dass sehr vieles plötzlich geschah und man nicht immer gut mitkommen konnte. Insgesamt war es eine gute Erfahrung, da es spannend und unterhaltsam war.“ (Kyana)

„Es war erst verwirrend und auch beängstigend, von den „Grünen Wesen“ in den Konzertraum geführt zu werden. Einige Inhalte des Stückes waren etwas anstößig, da die Personen teilweise nackt dargestellt wurden. Es war eine sehr interessante, aber auch ungewöhnliche Erfahrung. Es war auf jeden Fall den Aufenthalt wert.“ (Richard)

„Mich hat fasziniert, wie anders Stockhausens Musik klingt. Er benutzt Geräusche, die man sonst nie in normaler Musik hört. Das hat mich überrascht, weil es irgendwie fremd, aber trotzdem spannend war. Irritiert hat mich, dass man oft keinen richtigen Rhythmus oder keine Melodie erkennt. Ich wusste manchmal gar nicht, worauf ich achten soll. Manche Stellen klangen für mich eher wie zufällige Geräusche. Insgesamt war die Erfahrung mit Stockhausens Musik für mich ungewohnt, aber interessant. Ich habe gemerkt, dass Musik auch ganz anders funktionieren kann als ich es gewohnt bin. Manche Teile fand ich spannend, andere eher verwirrend. Trotzdem hat es meinen Blick auf Musik ein bisschen erweitert.“ (Stefan)

„Mich hat fasziniert, wie skurril, aber auch melodisch das Stück war. Mich hat irritiert, wie man in den Aufführungsraum geleitet wurde, obwohl ich von den „grünen Gestalten“ schon vorher wusste. Im Allgemeinen war es sehr interessant und imposant. Die Szenerie war abstrakt, aber passend, und die Schauspieler sind immer in der Rolle geblieben und haben schön gespielt. Der Gesamteindruck ist einfach ein Erlebnis, das ich jedem empfehlen würde.“ (Valentin)

„Mich faszinierte am meisten, wie alle Schauspieler für ca. 90 Minuten in ihrer Rolle bleiben konnten und sie auch noch so gut umsetzten. Bei einer so langen und ungewöhnlichen Aufführung wäre mir das selbst nicht sehr gut gelungen. Mich irritierte die Musik am Anfang. Sie hörte sich an wie zufällige und komische Töne, die nicht wirklich eine klare Melodie ergaben. Zugleich war es ein bisschen creepy. Meine Gesamterfahrung war gut, weil es Spaß gemacht hat, auch mal so etwas Skurriles und Abstraktes zu sehen. Die einzelnen Planeten waren gut gestaltet und das Set, worauf alles stattfand, war detailreich und man konnte sich gut einfühlen. Die Kostümgestaltung fand ich auch sehr gelungen, besonders den Radiomann.“ (William)

Die Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler zeigen, dass Stockhausens Klangwelt auch heute noch gleichermaßen irritieren wie faszinieren kann. Für uns alle war es ein sehr unmittelbares und wahrhaft immersives Opern-Erlebnis – nicht nur für die Ohren, sondern für alle Sinne. Wir danken auch der Theaterpädagogin Anja Fürstenberg aus dem „CLICK in Oper“-Programm für das angeregte Nachgespräch im Foyer der Oper.

Ein Bericht von Dr. Eva Maria Maschke

Fotos: Dr. Eva Maria Maschke