2009: Stolperstein-Projekt der SV: Gedenkstunde an Wilhelm Baron (26.6.2009)

Was wissen wir über Wilhelm Baron?

Wilhelm Baron war ein ganz normaler, jüdischer Deutscher. Er erlebte den Zusammenbruch des Kaiserreichs als Soldat und versuchte, sich und seine Familien heil durch das wirtschaftlichen Chaos der zwanziger und frühen dreißiger Jahre zu bringen. In den dreißiger Jahren führte er ein eher bürgerliches Leben, das die "Machtergreifung" der Nazis und die Entrechtung der Juden aber zunichte machten.

Geboren wurde Baron am 28. Dezember 1891 in Berlin. Seine Eltern waren Regina Baron, geb. Goldner, und Salomon Baron. Mit seiner ersten Ehefrau Margarethe, geb. Sabel, hatte er – soweit den Akten zu entnehmen – eine Tochter. Sie wurde 1916 geboren, mitten im Ersten Weltkrieg, in dem Baron als Soldat der Infanterie diente. 1918, bei Kriegsende, wurde er im Rang eines Unteroffiziers aus der Armee entlassen. Er scheint dann in der Nachkriegszeit als „Kaufmann“ gearbeitet zu haben, worunter man sich angesichts der verzweifelten Wirtschaftslage aber nichts allzu Großartiges vorstellen sollte.

In den zwanziger Jahren gibt es Spuren von Wilhelm Baron in Berlin, wo er am Holsteinerufer gelebt hat. Dann scheint er einige Zeit in London verbracht zu haben und kam im September 1930 nach Hamburg. Dort wohnte er zunächst am Holstenplatz 8 in Altona. Dann gibt es als weiter Meldeadresse die Lincoln-Straße, eine Nebenstraße der Reeperbahn. Sein letzter Wohnort war die Bülowstraße 5, die heute Güstrower Weg heißt.

Die Jahre nach seiner Rückkehr aus England scheinen für Baron zunächst schwierig gewesen zu sein, denn in seiner Zeit in Altona und in der Nähe der Reeperbahn wurde er wegen Glückspiels und Waffenbesitzes ohne Waffenschein zu einer Strafe von 30 RM verurteilt. In diese Zeit fällt auch die Trennung von seiner ersten Ehefrau Margarethe. 1933 wurde dann Barons zweite Tochter geboren. Wir vermuten, dass sie das zuerst noch außereheliche gemeinsame Kind mit Dorothea Katharina Gulau war. Damals scheint sich Baron jedoch wieder gefangen zu haben, denn 1935 heiratete er die 18 Jahre jüngere Dorothea. Baron arbeitete jetzt als Heilpraktiker. Für die folgenden Jahre ist in den Unterlagen nichts über ihn verzeichnet.

Mit der "Machtergreifung" der Nazis und der rapiden Entrechtung der Juden wurde auch für Baron die Situation immer schwieriger. Im September 1935 wurden die sogenannten „Nürnberger Gesetze“ erlassen: Sie verboten die Eheschließung von Juden oder Jüdinnen mit nichtjüdischen Partnern und stellten den Sexualverkehr zwischen Juden und Nichtjuden als „Rassenschande“ unter Strafe.

Auch die Berufs-, Bewegungs- und Emigrationsmöglichkeiten wurden für Juden immer mehr eingeschränkt und später ganz aufgehoben: Am 05. Oktober 1938 wurden alle Reisepässe von Juden eingezogen und mit einem „J“ gekennzeichnet.

Wilhelm Baron hat erfahren müssen, was diese Entrechtung für ihn und seine Familie zu bedeuten hatten: 1938 scheint er seine Flucht vorbereitet zu haben. Da sein eigener Pass mit einem „J“ gestempelt war, stahl er Ende Oktober in seiner Verzweiflung einen nicht-gestempelten Pass. Der Diebstahl wurde jedoch entdeckt. Baron wurde am 24. Oktober festgenommen und zur Untersuchungshaft in das KZ oder offiziell „Polizeigefängnis“ Fuhlsbüttel gebracht, das unter der Abkürzung „Kolafu“ als eins der brutalsten Lager im Deutschen Reich berüchtigt war. Seine Untersuchungshaft endete mit einem Urteil am 28. November 1938, knapp drei Wochen nach der berüchtigten Reichsprogromnacht.

In den folgenden zwei Monaten wurde die Lage von Baron und seiner Familie offensichtlich immer verzweifelter: Am 4. Februar 1939 wurde er wegen „Rassenschande“ und angeblicher Zuhälterei erneut ins „Kolafu“ eingeliefert.
Wahrscheinlich war er wegen der Ehe mit seiner evangelischen Frau Dorothea denunziert worden, so wie ca. 2.000 jüdische und nichtjüdische Männer in Hamburg zwischen 1935 und 1945.
Baron hat diese letzte Haft im KZ Fuhlsbüttel nicht überlebt - in dem letzten Eintrag seiner Gefängnisakte, auf der groß das Wort „JUDE“ prangt, ist zu lesen: „am 24. 02. 1939 (...) erhängt aufgefunden“. Aus einer anderen Akte erfahren wir die näheren Todesumstände. Baron wurde nachts in der Toilette aufgefunden, erhängt an seinen Hosenträgern und an seinem Halstuch.

Wir wissen nicht, ob es ein Selbstmord aus Verzweiflung war, oder ob er erhängt wurde. Was wir aber wissen ist, dass er durch die erbarmungslose Verfolgung und Entrechtung durch die Nazis in den Tod getrieben wurde.

Wir erinnern uns hier an der ehemaligen Bülowstraße an den verzweifelten Kampf eines Hamburger Juden und Deutschen um sein Glück, seine Würde und sein Leben.

Vielen Dank.

(Charlotte, SV)




„Gehat hob ich a hejm“. „Gehabt hab ich ein Heim“
Text von Mordechaj Gebirtig mit der Musik von Emil Gorovets


Gehabt hab ich ein Heim, ein warmes Stückchen Raum,
ein bisschen Wirtschaft, wie bei armen Leuten.
Verbunden wie Wurzeln mit einem Baum
bin ich mit meinem bisschen Armut.

Gekommen sind sie mit Feindschaft, Hass und Tod.
Mein armes Stückchen Heim, wie ich es vermochte,
was ich mit schwerer Mühe hab jahrelang gebaut,
vernichtet haben sie es in einem Tag.

Gehabt hab ich ein Heim, ein Stübchen und eine Küche,
und still gelebt so jahrelang,
hatte viele gute Freunde, Kameraden um mich,
ein Stübchen voll mit Liedern und Gesang.

Gekommen sind sie, wie kommen würde eine Pest,
herausgejagt aus der Stadt mit Frau und Kind,
geblieben ohne Heim wie Vögel ohne Nest,
nicht wissend, warum, für welche Sünde?

Gehabt hab ich ein Heim, jetzt hab ich es nicht mehr.
Ein Spiel gewesen ist für sie mein Untergang –
Ich such jetzt ein neues Heim, nur schwer – oh sehr schwer,
und ich weiß nicht, wo – und ich weiß nicht, auf wie lang.




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