Jugendliche restaurieren eine 500 Jahre alte gotische Dorfkirche in Mecklenburg

Allenthalben wird in der Öffentlichkeit von Werteverlust, Perspektivarmut und Ideenlosigkeit als dem prägenden Merkmal bundesdeutscher Gesellschaft zu Beginn des neuen Jahrtausends gesprochen. Die Ernüchterung nach den optimistischen Klängen Anfang der 90er ist groß. Die Wiedervereinigung ist (und das ist schon fast eine Platitude) nur formal, nicht in den Köpfen vollzogen, der wirtschaftliche Rang der Bundesrepublik droht zur Disposition zu stehen; die Schmallippigen scheinen in der Überzahl. Aber die z.T. geradezu euphorisch bejahenden Reaktionen von politischen Parteien und Verbänden der Wirtschaft auf die Rede des damaligen Bundespräsidenten Herzog anlässlich der Eröffnung des Hotels Adlon in Berlin haben auch gezeigt, wie groß das Bedürfnis nach Aufbruch und Neuorientierung mittlerweile geworden ist. Der Markt konkreter Ideen ist indes vergleichsweise klein, auch im Schulbereich.

Unser Projekt nimmt nicht für sich in Anspruch, weitumspannende Perspektiven zu eröffnen und angesichts der Probleme in den Schulen der große pädagogische Wurf zu sein. Es ist aber ein Versuch im Kleinen, ein Reflex auf unsere Erfahrungen in der derzeitigen Institution Schule und ein Vorhaben, abseits allzu kopflastiger Theorien diese Stimmung magenkranker Bitternis zu Überwinden und gleichzeitig Basisarbeit genau in dem Bereich zu leisten, in dem sich die Negativ-Tendenz ganz besonders breit zu machen scheint: im Verhältnis der alten zu den neuen Bundesländern, im Problemfeld der DDR-Hinterlassenschaft und in den Trends zur Desintegration der Gesellschaft, vor allem im Bereich der Jugend. Und wir setzen bei der Klientel an, für die wir unmittelbar verantwortlich sind.



Zielsetzungen des Projekts

Die Grundidee des Projekts geht davon aus, Jugendliche verschiedenster Herkunft, Bildungsgänge, "Lebenswelten" an einem gemeinsamen Arbeitsvorhaben zu beteiligen und ihnen einerseits die Möglichkeit zu geben, ihre spezifischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, andererseits dabei aber auch von anderen zu lernen. Sie ist mitinspiriert durch das Modell sog. Produktionsschulen (z.B. in Dänemark), die sich für eine engere Verflechtung des schulischen Stoffes mit nach außen gerichtetem Handeln einsetzen. Sie bemüht sich um Integration zwischen verschiedenen Schultypen und Regionen, und sie bemüht sich um ein kleines Stück "Heimat", um das sich sonst niemand kümmert.

Im einzelnen wollen wir mit dem Projekt folgendes erreichen:
- SENSIBILISIERUNG der Schüler und beteiligten Jugendlichen für Probleme des kulturellen Erbes (Erhaltung, Pflege, Tradition und Weiterentwicklung) und Probleme der Region und ihrer Menschen am konkreten Beispiel "Müsselmow"
- Übernahme von (im weitesten Sinne) öffentlicher VERANTWORTUNG durch Jugendliche
- Einbindung von Schülern, Lehrern und Eltern in ein gemeinsames/verbindendes Projekt (TRADITIONSBILDUNG an der Schule, "Schulprogramm")
- BEGEGNUNG UND ZUSAMMENARBEIT von Schülern und anderen Jugendlichen unterschiedlichen Schultyps und unterschiedlicher Lebens- und Bildungshintergründe unter dem Vorzeichen gemeinsamer Arbeit
- AKTIVIERUNG kreativer und handwerklicher Fähigkeiten der Schüler zum Erhalt eines Baudenkmals (Zusammenarbeit mit den Gewerbeschulen 6 und 8 und );
- AKTIVIERUNG der Jugendlichen im Ort Müsselmow
- Teilziele der einzelnen beteiligten SCHULFÄCHER (z.B. Deutsch, Erdkunde, Gemeinschaftskunde, Bildende Kunst, Physik, Informatik sowie die in den Gewerbeschulen vertretenen Fächer) im Rahmen schulischer Projekte.

Zur Realisierung dieser Ziele mussten wir zunächst ein Arbeitsfeld finden, das zum einen ein breites Spektrum notwendiger Aktivitäten und pädagogischer Initiativen bietet, andererseits den Jugendlichen in seiner Zielsetzung aber auch so attraktiv ist, dass sich für sie erkennbar in der Arbeit und durch die Arbeit am Projekt eine mittel- bis langfristige Möglichkeit zur Erweiterung ihrer Handlungsmöglichkeiten und Verbesserung ihrer Lebensperspektiven erschließt. Ferner sollte die Arbeit auf einem Gebiet erfolgen, das im allgemeinsten Sinne von kulturellem, sozialem und historischem Interesse ist, so dass sich Möglichkeiten einer anspruchsvollen unterrichtlichen Anbindung daraus ergeben konnten.

Dies alles ist gegeben, wenn sich Schüler, Lehrer und Studenten verschiedener Schulen, Schularten und Bildungsziele und aus mehr als nur einer Region oder einem Bundesland zusammentun, um eine historisch wertvolle Dorfkirche, um die sich sonst niemand kümmert, zu retten. "Unsere" Kirche liegt in Müsselmow, Kreis Parchim.

Wir nennen unser Projekt die "Müsselmower Patenschaft" und haben einen Verein gegründet, der sich ebenfalls diesem Ziel verpflichtet hat, die "Patenschaft Müsselmower Kirche e.V.". Die Teilbedeutungen des Begriffs "Patenschaft" signalisieren den Grundcharakter im Verhältnis der Schulen/Jugendlichen zum Objekt: Ein Pate übernimmt Verantwortung nach Maßgabe seiner eigenen Möglichkeiten und der Bedürftigkeit dessen, für den die Patenschaft besteht. In diesem Begriff sind Aktivitäten kurzer, mittlerer und längerer Reichweite aufgehoben; gleichzeitig schützt er sowohl gegen ein allzu prätentiöses Selbstverständnis wie auch den Vorwurf von Hochstapelei und betont die Prozesshaftigkeit des eigenen Tuns. Dies schließt die Orientierung an Endzielen nicht aus (sie sind notwendige Bestandteile des Prozesses), zunächst aber definiert sich der "Weg" der Patenschaft als Ziel. Am Ende sollen die restaurierte Kirche und der neben der Kirche befindliche Kornspeicher, der ebenfalls wiederhergestellt werden soll, eine "Begegnungsstätte Müsselmow" sein: Schüler, Studenten, Lehrer veranstalten hier Seminare, Musikfreizeiten, Ausstellungen und Konzerte. Und wer hier etwas tut, kann hier auch wohnen: Im Kornspeicher, der Platz für 30 Personen bietet.