Aus der Chronik des "Kirchspiels Müsselmow"


Vorwort

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde eine Chronik über die Kirche von Müsselmow begonnen. Wir waren eine Zeitlang im Besitz dieser in Leder gebundenen Chronik und interessierten uns besonders für die Beschreibungen der damaligen Ausstattung und der Bräuche.
Da die Chronik in einer alten Kurrent-Schrift geschrieben ist, die wir nicht lesen konnten, haben wir uns an die so genannte "Sütterlin-Schreibstube" der St. Ansgar-Gemeinde (Langenhorn) gewandt mit der Bitte um Hilfe. Dort gab es tatsächlich eine ältere Dame, die Schriften vor Sütterlin entziffern konnte!
Das Folgende fasst interessante Details zusammen.


Chronik der Kirche

Zur Gründung und Dotierung der Kirche liegen keine Urkunden mehr vor. Die Tradition berichtet, dass die Kirche von Helmold von Plesse im 12. Jahrhundert gegründet und dotiert wurde.

Der Gründer dieser Kirche kam unter Heinrich dem Löwen als "dux militiae" nach Mecklenburg. Helmold von Plesse entschloss sich, an einem Kreuzzug zur Eroberung des gelobten Landes teilzunehmen. Er legte das Gelübte ab, dass er, wenn Gott ihn unversehrt heimkehren lasse, sieben Kirchen gründen und dotieren werde. Eine dieser sieben Kirchen ist die Kirche aus Müsselmow.
Helmut von Pless renovierte die Kirche 1502 und stiftete 1509 drei Vikaria. Sein Nachfolger ließ eine Glocke umgießen.

1682 gab Müsselmow sein eigenes Pastorat auf und wurde mit Holzendorf zusammengelegt. 1707 wurden sie wieder getrennt und Müsselmow wurde mit Klaelow bis 1739 verbunden. 1739 wurde Müsselmow wieder mit Holzendorf verbunden.
Bis 1790 war das Patronat in Müsselmow und somit auch die Kirche ununterbrochen in den Händen der Familie von Plesse geblieben. Von 1790 an wechselten die Besitzer von Müsselmow häufiger. 1810 bekam der Rittmeister Ferdinand von Raven Müsselmow und hielt es über eine längere Zeit.

Der Gutsbesitzer Friedrich Hans August von Bülow ließ sich 1875 in einem Gewölbe beerdigen. Seine Kinder gaben der Kirche 600 M zur Erhaltung des Grabes.
Der Kirchhof ist in drei Etappen entstanden. 1849 und 1880 wurde er jeweils erweitert. Kinder und Erwachsene wurden in verschiedenen Ecken des Kirchhofes beigesetzt. Die Grabplätze wurden nicht vermietet, sondern für 6,00 M verkauft. Dieses Geld erhielt der Pastor zur Verschönerung des Kirchhofes. Jedes Dorf hatte auf dem Friedhof seinen eigenen Platz. Auf dem Kirchhof befand sich ein spezieller Platz für Selbstmörder.

1875 schenkten die Geschwister von Bülow auf Müsselmow der Kirche zwei Altargewänder, zum Anlass des Todes ihres Vaters, Hans August von Bülow auf Müsselmow.

1886 erneuerte Alexander auf Müsselmow die Kirche.
Hauptmann Alexander war ein Kaufmann, der das Gut durch Hinzufügen weiterer Gebäude im Wert sehr gehoben hat. 1900 wurde die größte der drei Müsselmower Glocken umgegossen. Sie trug die Inschrift, "Kommet, denn es ist alles bereit". Auf der anderen Seite sind die Namen der Familienangehörigen Alexanders eingraviert.

Im Jahre 1901 schenkte Hauptmann Alexander im Andenken an seinen verstorbenen Vater, den Kommerzienrat Alexander, der Kirche ein neues Fenster, welches oberhalb des von der Familie Alexander benutzten Stuhls eingesetzt wurde.

1911 verkaufte Hauptmann J. L. Adolf Ludwig Alexander, der das Gut seit 1884 besaß, das Gut an den Rittmeister im ersten Gardedragonerregiment, Albert von Schlink. Dieser blieb in Berlin beim Militär, verbrachte seine Ferien aber immer in Müsselmow. Hier war er mit seinem Hauspersonal häufig in der Kirche.
Ehemals besaß die Kirche eine Bibliothek, in der man sich ein Buch für einen Pfennig ausleihen konnte. Dieses wurde jedoch verhältnismäßig wenig in Anspruch genommen.

Bräuche

Die Begräbnisordnung im 19. Jahrhundert: Bei der Beerdigung wurde danach unterschieden, ob der Verstorbene aus Holzendorf oder aus Gustävel / Wendorf stammte. Um 10 Uhr morgens wurde die Glocke am Todestag oder am darauf folgenden Tag geläutet. Das Läuten kostete 0,56 M. Für die Leute aus Gustävel und Wendorf läutete der Küster die Glocken, für die Leute aus Holzendorf übernahmen die Angehörigen dieses Amt. Die Gruft wurde immer von den Angehörigen ausgehoben. Sobald die Gruft zur Hälfte ausgehoben war, wurden die Glocken einen Puls geläutet. Zweimaliges Läuten kostete für die Leute aus Holzendorf 1,13 M und für die Leute aus Gustävel und Wendorf 2,25 M. Die Beerdigung fand grundsätzlich um 2 Uhr statt.

Sobald der Leichenzug vom Kirchhof aus zu sehen war, wurden die Glocken "einen dritten Puls" geläutet. Die Verstorbenen aus Holzendorf wurden vom Pastor, dem Küster und den Chorknaben aus dem Sterbehause getragen. Hier wurde feierlich nach Wahl der Angehörigen gesungen, und der Pastor hielt auf Wunsch eine Leichenrede (die 2,25 M kostete). Zu dem Lied Nr. 571 wurde der Verstorbene an die Gruft getragen. Für die Verstorbenen aus Gustävel und Wendorf geschah das Gleiche in der Küsterdiele. Anschließend wurde der Sarg in die Gruft gesenkt, und der Pastor sprach noch ein Paar Worte der Begräbnisformel. Die Gruft wurde geschlossen, und es wurde ein Vaterunser gebetet. Darauf begab sich der Zug in die Kirche zu einer liturgischen Handlung.

Wenn eine Leichenpredigt gewünscht wurde, wurde der Sarg vor der Beerdigung in die Kirche getragen und vor dem Altar, auf dem Lichter brannten, niedergestellt (3,50 M). Zusätzlich waren noch die Kosten für den Küster und für jeden Chorsänger (0,06 M) zu zahlen. Es war üblich, dass die Müsselmower auf dem Friedhof um die Kirche beerdigt wurden.

Kleine Kinder (im Alter bis zu einem halben Jahr) wurden ohne die Begleitung von Pastor und Küster still beerdigt. Die Gebühren waren trotzdem zu zahlen.
Der Gottesdienst wurde an allen Sonn- und Feiertagen, mit Ausnahme der Palmensonntage und der Grünen Donnerstage, um 8 Uhr morgens gehalten. An Abendmahltagen begann der Gottesdienst eine Viertelstunde eher.
Sonnabendnachmittag und Sonntagmorgen wurde der Gottesdienst mit einem Glockenschlag vom Küster eingeleitet. An Feiertagen läutete er die Glocken zweimal. Einige Küster ließen das Läuten von Schulknaben besorgen. In strengen Wintern wurde das Credo nicht gesungen.

Kirchenschlüssel gab es zwei; einen hatte der Pastor und einen der Küster.
Die Kosten für die Kirche hatte der Besitzer von Müsselmow allein zu tragen, der Patron gab nichts dazu.

Altar 1962: Marienkrönung

Flügelaltar und Predella 1962 (viele Figuren bereits entfernt)

Innenausstatung

Die Wände und die Decke der Kirche wurden im 19.Jahrhundert weiß gestrichen und die Türen und Fenster ziegelrot eingefasst. Mittlerweile wissen wir durch Untersuchungen von Studenten der FH Hildesheim (Prof.Ivo Hammer), dass sich hinter 4 weißen Kalkschichten umfassende Wandmalereien aus der Mitte des 18.Jahrhunderts (Barock) und aus der Renaissance befinden. Die Barockmalereien werden nun Stück für Stück freigelegt. 2008 steht wieder eine große Kampagne an.

Sehr häufig haben sich die Gutsbesitzer in dieser Kirche ein "Denkmal"gesetzt. Es waren also viele Wappen, Namen und Geburts- und Sterbedaten dieser Familien in der Kirche eingearbeitet. Die Fenster, die Kirchenglocken und ähnliches Inventar wurden damit geschmückt.
Die Kirche besaß einen Schrank mit acht Borden zur Aufbewahrung von wichtigen Akten der Kirche.

Auf dem schwarzweiß marmorierten Altar lag eine weiße Leinwanddecke mit drei Zinnleuchtern. Auf einem Pult daneben lag die Kirchenordnung. In der Nähe befand sich ein alter Altarschrein, der mit Figuren bemalt war. Diese waren selbst im 19.Jahrhundert kaum noch zu erkennen. Am oberen Rand trug er die Inschrift: "Kompt (sic!) Her zu mir Alle die ihr mühselig und beladen seyd. Ich will euch erquicken". Darunter standen noch weitere Sprüche aus der Bibel. Unterhalb des Altarschreins war die Taufe Jesu im Jordan, zusammen mit dem Taufspruch, abgebildet. All diese Sprüche waren in weiß auf braunem Hintergrund geschrieben. Es gab zwei Altargewänder, ein schwarzes und ein grünes.
Rechts und links des Altarschreins war je eine braun gestrichene Tafel angebracht. Hier wurden die Lieder bekannt gegeben, die während des Gottesdienstes gesungen werden sollten. Darüber hingen zwei Bülowsche Wappen. Die Kirche hatte drei Altarkanzellen. Die beiden äußeren trugen das Wappen der Familie von Plessen, und die mittlere Kanzelle war mit einem Spruch versehen.
Der Klingelbeutel hing an einem 1,10 m langen Stock. Ein hölzernes Lesepult sowie ein Opferteller waren ebenfalls vorhanden (beides ist übrigens inzwischen wieder aufgetaucht!)

Die Kanzel befand sich an der Nordseite. Sie hatte einen geschnitzten Unterbau. Fünf Stufen führten zu einem Predigtstuhl hinauf. In ihn waren die vier Evangelisten eingeschnitzt. Diese Kanzel muss leider als verloren gelten.
Das Kirchengestühl war damals braun. Einige Bänke besaßen Schnitzereien und aufgemalte Wappen. Besonders schön verziert waren die Stühle, auf denen ehemals Angehörige der Familie von Plesse saßen. Offenbar hatten damals die Gutsbesitzer von Müsselmow immer ihren eigenen Stuhl mit ihrem Wappen in der ersten Reihe der Kirche. Dahinter stand ein Handwerkerstuhl. In der Reihe dahinter saßen die Männer und dahinter die Frauen und Mädchen. Die Stühle für die Zaschendorfer Tagelöhner standen ganz hinten.

In die Tür auf der Südseite war "Anno Domini 1601" eingeritzt.
Auf weißen Säulen befand sich der Chor mit der Orgel, die drei Register hatte.
Die Sakristei an der Nordseite war gewölbt (Kreuzrippengewölbe); sie wurde 1982 wegen Baufälligkeit abgerissen. Unser Wiederaufbau im Juni 2001 hat auf das Gewölbe leider verzichten müssen. Der Turm auf der Westseite wurde durch eine braun gestrichene Tür von der Kirche abgetrennt.

Die Fenster der Kirche

Die Fenster der Kirche waren braun gestrichen. Auf der Nordseite hatte die Kirche 6 Fenster, während sie auf der Südseite nur 4 Fenster hatte. Im Altarraum befanden sich noch zwei größere Fenster, die in drei Felder eingeteilt waren. Diese Fenster waren mit je einem Engel und dem Geburts- und Sterbedatum der ältesten Tochter des Gutsherrn Alexander versehen. Auf dem Fenster auf der Nordseite (an der Kanzel) war das Wappen der Familie von Oerzen abgebildet.

Eine Schenkung aus dem Jahre 1901 steht bis heute noch offen: Im Andenken an den Kommerzienrat Alexander schenkte sein Sohn Hauptmann Alexander der Kirche ein neues Fenster, das über dem Stuhl der Familie eingebaut werden sollte. Das Fenster sollte in der Mitte mit dem Monogramm Christi versehen werden.