2005 - Unsere Ortschaften - Buchenwald (üb. Weimar). Zum SCHILLER-JAHR 2005

"Unsere Ortschaften" - 3 Veranstaltungen zum Schiller-Jahr

"Unsere Ortschaften: BUCHENWALD (üb. WEIMAR)"
Ein Versuch zum Schiller-Jahr und zum 60. Jahrestag des Kriegsendes

Das Projekt „Unsere Ortschaften“ wurde vorgestellt in insgesamt 3 Veranstaltungen:

3. Mai 2005
Gymnasium Rahlstedt, Aula

4. September 2005
in der Dorfkirche von Müsselmow/Mecklenburg aus Anlass des europäischen „Tags des Offenen Denkmals“ (11.9.), diesjähriges Motto: „Krieg und Frieden“

7.September 2005
Wichern-Schule, Hamburg


Auswahl der Texte:
Marina, Juliane, Hanna, Dominique, Svenja, damals 10b bzw. VSb
Verbindender Text: Volker Wolter

Liedtexte von Jakobos Kambanellis, Mordejem Gebirtig und Emil Gorovets

Musik von Mikis Theodorakis (Liederzyklus "Mauthausen") und Emil Gorovets

Musikalische Leitung: Michael Schwinger

Technik: Oliver Kause

Ausführende (Text):
Peter Blänsdorf (Veranstaltungen Gymn. Rahlstedt und Wichern-Schule) / Dieter Jauß (Veranstaltung Dorfkirche zu Müsselmow)
Marina Ennulat (3.Mai 2005)
Svenja Harder
Juliane Ley
Dominique Linsmeier
Hanna Wegner
Volker Wolter

Ausführende (Musik):
Robert Bartels / Felix F. Schulz (Keyboard)
Leonie Fölsing (Querflöte)
Lasse Huckfeldt (Schlagzeug)
Michael Schwinger (Gitarre)
Julian Zimmermann (Klarinette)
Solistin:
Susanne Lichtenberg, Gesang

Idee und Gesamtleitung: Volker Wolter



WOLTER:

Liebe Gäste, liebe Eltern, liebe Schülerinnen und Schüler,

heute abend gleichzeitig der 200. Wiederkehr von Schillers Todestag zu gedenken und des Endes der Nazi-Herrschaft im Mai 1945, scheint überraschend: Sind es nicht die denkbar weitest entfernten Geisteshaltungen, für die diese beiden Daten stehen?

Wir haben aber zur Kenntnis zu nehmen, dass beides auf demselben Boden möglich wurde, in einem Land, das, wenn auch zu je anderen Zeiten, sich doch auf dieselben Traditionen beruft, dieselben Wurzeln für sich beansprucht, ja teilweise mit denselben Begriffen operiert.

Lassen wir also beide Aspekte parallel zu Wort kommen und geben wir den Texten die Möglichkeit, in wechselseitiger

Spiegelung vielleicht einen Sinn zu entfalten, den es ohne das diesjährige Zusammentreffen der beiden Daten nicht gegeben hätte. Und wir wollen weitere Schriftsteller zu Wort kommen lassen bei dem Versuch, die Sprach-Losigkeit zu überwinden angesichts des sprachlich kaum Fassbaren.


Veranstaltung am "Tag des offenen Denkmals" am 4.9.2005 in der Müsselmower Dorfkirche

Die Schülerinnen und Schüler der 10.Klasse, die Texte des Nationalsozialismus, v.a. aber über den Nationalsozialismus ausgewählt haben und hier lesen werden, setzen sich in diesem Schuljahr auch mit Texten von Schiller auseinander. In dieser Altersgruppe gibt es abseits der Festlegungen des Lehrplans ein großes Interesse für beide Themenbereiche. Gerade der Schiller des Sturm und Drang ist den Schülerinnen und Schülern nicht sehr weit entfernt, und die Shoa ist in ihrer Unfassbarkeit ohnehin ein Dauer-Anlass zu Fragen. Der Holocaust ist für uns der deutlichste und zugespitzteste Ausdruck des nationalsozialistischen Systems, er steht daher heute im Mittelpunkt:

BLÄNSDORF:
„Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. (...) Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug. (...)
Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. Das ist das ganze Grauen.“ (Theodor W. Adorno, „Erziehung nach Auschwitz“).

WOLTER:
Wir nennen diesen Abend: „Unsere Ortschaften - Buchenwald, über Weimar“ und erinnern damit an den Satz des aus dem Exil zurückgekehrten Germanisten Richard Alewyn in seiner Goethe-Vorlesung 1949: „Zwischen uns und Weimar liegt Buchenwald“. Nirgendwo sonst stellt sich die Doppelköpfigkeit unserer historischen Identität physisch so deutlich dar wie an diesen Zwillingsorten.
Weimar steht für die Geburt der deutschen Klassik und ist jedem von uns zumindest ein Begriff. Als Schiller hier ankommt, trifft er auf eine Gesellschaft des Diskurses und der Ästhetik.
Buchenwald steht in der Zeit seines Bestehens neben Auschwitz-Birkenau, Mauthausen, Stutthoff, Sachsenhausen, Bergen-Belsen, Neuengamme und all den anderen Orten für die Hölle, die Menschen von Menschen bereitet wird. Wer hier ankommt, soll umkommen.

HANNA:
Als Schiller 1799 endgültig nach Weimar zieht, hat er bereits 5 Jahre lang genialisch mit Goethe gearbeitet; die schriftstellerischen Ergebnisse sind in einigen Fällen gar nicht mehr dem einen oder dem anderen Autor zuzuordnen. Schon am 1.September 1794 schreibt Schiller über seine Zusammenarbeit mit Goethe:

DOMINIQUE:
„Zwischen unseren Ideen fand sich eine unerwartete Übereinstimmung, die umso interessanter war, weil sie wirklich aus der größten Verschiedenheit der Gesichtspunkte hervorging. Ein jeder konnte dem anderen etwas geben, was ihm fehlte, und etwas dafür empfangen.“

Hierin zeigt sich ein geistiges Prinzip zwischen den beiden, das von These und Antithese lebt, während der braune Ungeist, der sich später auf sie zu berufen wagt, nur die eigene, nicht zu befragende These kennt und diese gnadenlos und mit Gewalt gegen Andersdenkende durchsetzt.
Hitler ließ sich mit dem Ausspruch: „Ich liebe Weimar!“ gern als der musische Staatsmann in der Musenstadt Weimar feiern und ist im Gästebuch des Hotels „Elephant“ 26mal verzeichnet. Er erwähnt Schiller in „Mein Kampf“ an einer Stelle, allerdings nur, um sich in simpelster Weise mit ihm auf gleiche Stufe zu stellen: „Titan unter Titanen“. Über einen Besuch von Schillers Wohnhaus schreibt er:

BLÄNSDORF:
„Als ich soeben da oben stand, an dieser primitiven Bettstatt und an diesem einfachen Schreibtisch und mir vorstellte, wie lange Schiller hat kämpfen müssen (...), da kam mir aufs Neue der trostlose Gedanke, der mich schon in meiner Jugendzeit in Linz quälte, dass Genie und Schöpferkraft fast immer mit Hunger und Not verbunden sind.“

WOLTER:
Mitte der 30er Jahre bewirbt sich der NS-Gauleiter von Thüringen, Fritz Sauckel, bei Himmler persönlich um die Errichtung eines Konzentrationslagers für Mitteldeutschland. Später, im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess, wird sich ebendieser Sauckel selbst als "Entlastungsmoment" zugute halten, dass er nie ein Buch gelesen hat, worin sich die kulturelle Ignoranz dieses Systems besonders deutlich macht. Himmler kommt dem Wunsch von Sauckel nach Errichtung eines KZ im Jahre 1937 nach. Die Spitze des mit Wald bestandenen Ettersberges in der Nähe von Weimar wird gerodet, bis auf eine einzige Eiche, und ein großes KZ dort errichtet: 13.000 Mann eines SS-Totenkopfverbandes werden dorthin verlegt und bewachen ein Lager mit Folterkellern, Genickschussanlage und Krematorium. 240.000 Häftlinge gehen durch diese Hölle mit ihren Außenlagern. Buchenwald war kein „Vernichtungslager“; aber es hat 56.000 Menschenleben vernichtet.

Schiller hat einmal zwei Wochen studienhalber am Fuße dieses Ettersberges verbracht. Von dort hatte er damals noch einen freien Blick auf die Stelle, an der 1937 das KZ entstehen sollte. Goethe war des öfteren dort. Eine Eiche, „seine“ Eiche, ganz oben auf dem Berg, entgeht beim Bau des KZ Buchenwald der Rodung, weil sie unter Kultur- und Naturschutz steht. Hier haben der Legende nach Goethe und Charlotte von Stein gesessen. 1944 wird diese Eiche bei einem Fliegerangriff zerstört. Die verkohlten Reste sind noch heute zu sehen, und der deutsche Schriftsteller Bruno Apitz, Häftling in Buchenwald und später Autor von „Nackt unter Wölfen“, schnitzt noch 1944 aus dem Rest dieser Eiche eine Totenmaske: „Das letzte Gesicht“. Was mögen die Häftlinge aus aller Herren Länder, hungernd, frierend und gequält, beim Anblick dieser so genannten „Goethe-Eiche“ auf dem Gelände ihres Lagers gedacht haben? Was mögen sie gedacht haben auf dem ewig zugigen Appellplatz, in den Außenlagern, bei den mörderischen Bestrafungsaktionen der Lagerleitung und den vernichtenden Arbeitseinsätzen?

BLÄNSDORF:
Jakobos Kambanellis: Andonis

Dort auf der breiten Treppe,
auf der Treppe der Tränen,
in den tiefen Gruben,
im Steinbruch der Klagen

laufen Juden und Partisanen,
fallen Juden und Partisanen,
Felsbrocken schleppen sie auf den Schultern,
Felsbrocken, das Kreuz des Todes.

Dort hört Andonis eine Stimme,
die Stimme ruft,
Oh, Kamerad, oh Kamerad,
hilf mir, die Treppe zu ersteigen!

Aber dort auf der breiten Treppe,
der Treppe der Tränen,
ist solche Hilfe Verwünschung,
Mitleid ist dort Fluch.

Der Jude fällt auf der Treppe,
die Treppe färbt sich rot.
Du, kräftiger Kerl, komm her,
trag du die doppelte Last.

Ich nehme zwei, ich nehme drei,
ich bin Andonis,
und wenn du ein Mann bist,
komm her auf den marmornen Dreschplatz.
Musik: Mikis Theodorakis
(Gesang: Susanne Lichtenberg)


Jakobos Kambanellis: Andonis, Musik: Mikis Theodorakis (aus dem Zyklus: "Mauthausen"), Gesang: Susanne Lichtenberg

WOLTER:
Vor der endgültigen Fertigstellung des KZ Buchenwald schreibt Theodor Eicke, der Führer der SS-Totenkopfverbände, 1937 an Himmler:

SVENJA:
„Die angeordnete Bezeichnung 'K.L. Ettersberg' kann nicht angewandt werden, da die NS-Kulturgemeinde in Weimar hiergegen Einspruch erhebt, weil der Name Ettersberg mit dem Leben des Dichters Goethe in Zusammenhang steht.“
Himmler entscheidet sich daraufhin für den Namen: „Buchenwald, Post Weimar“, eine Namensgebung, die sicher auch nicht im Sinne der NS-Kulturgemeinde war. Über einen Einspruch dieser so genannten "Kultur"-Gemeinde, die aus 3000 Vertretern des gehobenen Bürgertums, Ärzten, Landgerichtsräten, Studienräten und Rechtanwälten bestand - über einen Einspruch gegen dieses KZ an sich ist übrigens nichts bekannt. Dass hier die Macht die Freiheit mit Füßen tritt, wird offenbar mühelos ausgegrenzt.

JULIANE:
Für Schiller stehen Macht und Freiheit immer in einem unmittelbaren Verantwortungsverhältnis. Lange bevor Schiller nach Weimar kommt, hat er sich mit Despotenherrschaft und dem Freiheitsgedanken beschäftigt. Da der Mensch in der Lage ist, auf sich selbst einzuwirken auf der Grundlage von Ideen, Konzepten, bringt dieser schöpferische Mensch etwas in die Welt, das es ohne ihn nicht geben würde. Darin steckt aber auch die Kraft der Vernichtung. Sich dieser Kraft bewusst zu sein, ist seine ganz persönliche Verantwortung, und sie kann auch persönlich angesprochen werden. Schiller will in verschiedenen Texten den Missbrauch von Macht nicht nur anklagen,

sondern ihr ganz persönlich ins Gewissen reden, wie in der berühmten 10.Szene des III.Akts von „Don Carlos“, in der Marquis Posa König Philipp II wegen seiner grausamen Despotenherrschaft in den Niederlanden anklagt:

BLÄNSDORF:
„Sire!
Jüngst kam ich an von Flandern und Brabant. -
So viele reiche, blühende Provinzen!
Ein kräftiges, ein großes Volk - und auch
Ein gutes Volk - und Vater dieses Volkes,
Das, dacht' ich, das muss göttlich sein! - Da stieß
Ich auf verbrannte menschliche Gebeine -
Hier schweigt er still; seine Augen ruhen auf dem König, der es versucht, diesen Blick zu erwidern, aber betroffen und verwirrt zur Erde sieht.
Sie haben Recht. Sie müssen. Dass Sie können,
Was Sie zu müssen eingesehen, hat mich
Mit schaudernder Bewunderung durchdrungen.
O Schade, dass, in seinem Blut gewälzt,
Das Opfer wenig dazu taugt, dem Geist
Des Opferers ein Loblied anzustimmen!
Dass Menschen nur - nicht Wesen höhrer Art -
Die Weltgeschichte schreiben!“

WOLTER:
Für Marquis Posa folgt daraus, was für Dietrich Bonhoeffer ebenso galt wie für die Männer des 20.Juli: Wenn Unrecht zum Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.
Macht ist persönlich und muss persönlich verantwortet werden. Dies ist Ergebnis der Erfahrungen, die Schiller selbst gemacht hat. Macht hatte für ihn jahrelang ein Gesicht: „Sein Herzog“ ist für ihn zu Zeiten seines jahrelangen, verhassten Aufenthalts in der "Hohen Karlsschule" beim Essen ebenso leibhaftig zugegen wie bei Prüfungen; ja selbst im Schlafsaal taucht dieser Herzog auf, um mit seinen Ansprüchen auf totale Verfügung über Menschen für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Aber dieser Herzog steht immerhin für seine Rolle und für seine Person. Insofern wäre der schillerschen Erfahrung nichts weiter entfernt als der aberwitzige Versuch der Verteidigung im großen Auschwitz-Prozess 1963, durch Abkopplung der Personen von ihrer Rolle als SS-Schergen und die Konstruktion eines so genannten „Funktionstäters“ die persönliche Schuld zu verwischen.
Über diese Ungeheuerlichkeit im Auschwitz-Prozess habe ich sehr viel früher etwas erfahren als über Schiller. Ein Schlüsselerlebnis, ganz nah in meiner Erinnerung: Sonntag für Sonntag hörte ich als 12-Jähriger im NDR-Radio die 15-minütigen Berichte von Axel Eggebrecht über die Prozesswoche des Auschwitz-Prozesses in Frankfurt, in dem sehr viele Einzelschicksale dem Vergessen entrissen wurden:

BLÄNSDORF:
Jakobos Kambanellis: Lied der Lieder

Wie schön ist meine Liebste
in ihrem Alltagskleid
und mit einem Kämmchen im Haar!
Niemand hat je gewusst, dass sie so schön ist!
Niemand hat je gewusst, dass sie so schön ist!

Ihr Mädchen von Auschwitz, von Dachau, Ihr Mädchen,
habt Ihr nicht meine Liebste gesehen?
Habt Ihr nicht meine Liebste gesehen?

Wir sahen sie auf einer weiten Reise,
ihr Kleid trug sie nicht mehr
und kein Kämmchen im Haar.

Wie schön ist meine Liebste,
verwöhnt von ihrer Mutter
und von den Küssen des Bruders.
Niemand hat je gewusst, dass sie so schön ist!
Niemand hat je gewusst, dass sie so schön ist!

Ihr Mädchen von Mauthausen, Ihr Mädchen von Belsen,
habt Ihr nicht meine Liebste gesehen?
Habt Ihr nicht meine Liebste gesehen?

Wir sahen sie auf einem eiskalten Platz
mit einer Nummer auf ihrem weißen Arm
und einem gelben Stern auf dem Herzen.

Wie schön ist meine Liebste,
verwöhnt von ihrer Mutter
und von den Küssen des Bruders.
Niemand hat je gewusst, dass sie so schön ist!
Niemand hat je gewusst, dass sie so schön ist!

Musik: Mikis Theodorakis

(Gesang: Susanne Lichtenberg)

WOLTER:
In der vielfach zitierten Szene mit Marquis Posa beansprucht Schiller, sehr optimistisch, einen gleich hohen Rang für die Macht des Wortes wie für das Wort der Macht. Posas berühmtes Diktum gegenüber Philipp: „Geben Sie Gedankenfreiheit!“ setzt ein durch und durch positives Menschenbild voraus, das Schiller hat, das Posa hat, und das Philipp nicht hat. Als Gustaf Gründgens' Regisseur Jürgen Fehling im Jahre 1935 den „Carlos“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg aufführt, gibt es an dieser Stelle offenen Szenen-Applaus; die Herrschenden schäumen.
An der Widersprüchlichkeit der Figur des Marquis Posa weist Schiller aber auch gleichzeitig auf die Dialektik der Aufklärung hin, einerseits ganz „Vernunft“ zu sein, andererseits womöglich aus dieser Vernunft heraus in eine verordnete Menschheitsbeglückung zu münden, wie sie dann später in der sich selbst zerfressenden Französischen Revolution einen blutigen Höhepunkt findet. In ebendieser Szene sagt Posa nämlich auch:

BLÄNSDORF:
„Weihen Sie
Dem Glück der Völker die Regentenkraft,
Die - ach, so lang - des Thrones Größe nur
Gewuchert hatte - stellen Sie der Menschheit
Verlornen Adel wieder her. Der Bürger
Sei wiederum, was er zuvor gewesen,
Der Krone Zweck - ihn binde keine Pflicht,
Als seiner Brüder gleich ehrwürd'ge Rechte.
Wenn nun der Mensch, sich selbst zurückgegeben,
Zu seines Werths Gefühl erwacht - der Freiheit
Erhabne, stolze Tugenden gedeihen -
Dann, Sire, wenn Sie zum glücklichsten der Welt
Ihr eignes Königreich gemacht - dann ist
Es Ihre Pflicht, die Welt zu unterwerfen.


WOLTER:
„… dann ist es Ihre Pflicht, die Welt zu unterwerfen“ : Ein totalitärer Zug aus dem Gefühl endgültig wahrer Erkenntnisse.
Schiller schreibt mitreißend, aber er lässt sich auch selbst hinreißen. An vielen Stellen fällt es den NS-Machthabern leicht, seine Texte ihres ursprünglichen Kontextes zu berauben und für ihre Propaganda zu missbrauchen. Manche Texte entwickeln von sich aus Eigen-Leben. Das Reiterlied aus „Wallensteins Lager“ wirkte auf das Publikum stimulierend, auf Soldaten wie Zivilisten:

BLÄNSDORF:
„Wohlauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!
Ins Feld, in die Freiheit gezogen.
Im Felde, da ist der Mann noch was wert,
Da wird das Herz noch gewogen.
Da tritt kein anderer für ihn ein,
Auf sich selber steht er da ganz allein.
(...)
Drum frisch, Kameraden, den Rappen gezäumt,
Die Brust im Gefechte gelüftet.
Die Jugend brauset, das Leben schäumt,
Frisch auf! Eh der Geist noch verdüftet.
Und setzet Ihr nicht das Leben ein,
Nie wird euch das Leben gewonnen sein.“

DOMINIQUE:
Als 1813 das Stück im Weimarer Hoftheater zum wiederholten Mal aufgeführt wird, ist zu berichten von einem Publikum, das bei diesem Lied in unbeschreiblichen Jubel ausbricht, „in volksfestlichem Aufschwung“: ein Muster für spätere Publikumsreaktionen. Schillers eigentliche Intentionen geraten dabei aus dem Blick.
Dabei arbeitet 1788 Schiller an einem großen historischen Werk: „Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande“. Die Kraft, mit der das niederländische Volk es schaffte, sich von der spanischen Despotenherrschaft zu befreien, war für ihn auch ein Vorbild für Deutschland:

BLÄNSDORF:
„(...) diese Kraft ist unter uns nicht verschwunden; der glückliche Erfolg, der sein Wagestück krönte, ist auch uns nicht versagt, wenn die Zeitläufte wiederkehren und ähnliche Anlässe uns zu ähnlichen Taten rufen.“

DOMINIQUE:
Dies ist geschrieben knapp 2 Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution. In der Neuauflage von 1801 streicht Schiller diese Sätze allerdings wieder, in der Erkenntnis, dass die Französische Revolution ihre eigenen Ziele verraten hat.
Schiller hat zeitlebens optimistische Vorstellungen von den Wirkungsmöglichkeiten der Literatur bei der Veränderung sozialer Verhältnisse und menschlicher Einstellungen:

BLÄNSDORF:
„Menschlichkeit und Duldung fangen an, der herrschende Geist unsrer Zeit zu werden; ihre Strahlen sind bis in die Gerichtssäle und noch weiter - in das Herz unsrer Fürsten gedrungen. Wie viel Anteil an diesem göttlichen Werk gehört unsern Bühnen? Sind sie es nicht, die den Menschen mit dem Menschen bekannt machten und das geheime Räderwerk aufdeckten, nach welchem er handelt?
(…) Eine merkwürdige Klasse von Menschen hat Ursache, dankbarer als alle übrigen gegen die Bühne zu sein. Hier nur hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören - Wahrheit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier - den Menschen.“

WOLTER:
Es macht den Optimismus Schillers aus, wenn in seinem Gesamtwerk das Wort „Unmenschlichkeit“ nur einmal vorkommt (in: Maria Stuart), das


Marina, Veranstaltung am 3. Mai

Wort "Menschlichkeit“ hingegen 31mal und zusätzlich 8 mal das Wort „Humanität“, aber nicht einmal „Inhumanität“.
Was kann ein Literat wie Schiller, was kann Literatur zu einer positiven gesellschaftlichen Entwicklung beitragen? Oder anders gefragt: Kann Literatur mit ihrem Appell an das Humanum den Menschen wirklich besser machen?

BLÄNSDORF:
„Die Schaubühne ist der gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden bessern Teile des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt und von da aus in milderen Strahlen durch den ganzen Staat sich verbreitet. Richtigere Begriffe, geläuterte Grundsätze, reinere Gefühle fließen von hier durch alle Adern des Volks; der Nebel der Barbarei, des finstern Aberglaubens verschwindet, die Nacht weicht dem siegenden Licht.“

WOLTER:
Von Adorno ist dagegen ein Wort aus dem Jahre 1951 überliefert, das das Ende der Literatur nach Auschwitz einzuläuten schien. Seiner Auffassung nach hatte die Literatur versagt:

BLÄNSDORF:
„(...) Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.“

JULIANE:
Dieser häufig kolportierte Satz vergisst aber, dass in Auschwitz Gedichte geschrieben wurden, dass vielen Häftlingen in Buchenwald die Literatur im Kopf ein Über-Lebenselixier war und dass viele Überlebende des Holocaust in Kunst und Literatur später ein Medium fanden, um ihr Erleben nach ihrer glücklichen Befreiung zu bearbeiten, auch Gedichte:

HANNA:
Alexander Kulisiewicz: „Baracken“ ,geschrieben 1940

Lange Reihen tauber Baracken,
und vierhundert Mann in jeder;
hier welken die Blumen, welken die Menschen –
nur Sand gebiert uns die Erde.

Sauberkeit, Sauberkeit! Alles ist sauber!
Saubere Kloaken, saubere Klingen –
und saubere Hände, Hände von Deutschen –
Sauberkeit kann direkt imponieren!

Lange Reihen tauber Baracken,
und vierhundert Menschen in jeder;
die Augen verstört – verseucht die Gedanken,
der Hunger stapft durch die saub’ren Gedärme ...
Deutsche Sauberkeit!

HANNA:
Alexander Kulisiewicz, 1918 in Krakau geboren, Journalist, schrieb 1939 einen gegen den Nationalsozialismus gerichteten Artikel mit dem Titel „Heil Butter! – Genug Hitler!“ . Dieser bot der Gestapo nach der Besetzung Polens die Gelegenheit, den damals 21-jährigen als „staatsfeindlichen Journalisten und Kriegshetzer Polens“ zu verhaften und 1940 in das KZ Sachsenhausen zu deportieren. Dort blieb er bis zum 2. Mai 1945 inhaftiert.
Während seiner 66-monatigen Haftzeit verfasste er mehr als 130 Gedichte und 54 Lieder, die das Leiden der Gefangenen thematisierten, aber auch Platz für persönliche Gefühle und Reflexionen ließen. Es sprach sich unter den Häftlingen des KZ Sachsenhausen bald herum, dass Aleksander Kulisiewicz ein phänomenales Gedächtnis besaß und etliche Mithäftlinge vertrauten ihm Lieder und Gedichte an. 1945 nach seiner Befreiung diktierte Kulisiewicz im Krankenhaus von Krakau alles, was er auswendig gelernt hatte: 716 Seiten in 4 verschiedenen Sprachen.
Aleksander Kulisiewicz starb 1982 in Krakau. „Die Nazizeit habe ich überlebt“, sagte er, „aber das KZ habe ich nie verlassen.“

BLÄNSDORF:
Jakobos Kambanellis: Der Ausbrecher
Jannos Ber aus dem Norden
hält es hinter dem Stacheldraht nicht aus,
er fasst sich ein Herz, bricht aus,
und rennt in die Dörfer der Ebene,
und rennt in die Dörfer der Ebene.

Gib mir, Frau, ein wenig Brot
und Kleider für mich zum Wechseln,
ich habe einen langen Weg vor mir,
über Seen muss ich fliegen,
über Seen muss ich fliegen.

Wo auf Schritt und Tritt
Schrecken und Furcht herrschen,
nun eine Stimme, eine entsetzliche Stimme:
Versteckt euch vor dem Ausbrecher!
Versteckt euch vor dem Ausbrecher!

Ich bin kein Mörder, Leute,
keine Bestie, die euch verschlingt,
ich bin aus dem Gefängnis geflohen,
um nach Hause zu kommen,
um nach Hause zu kommen.

Ach! Welche Todeswüste
im Lande Bertolt Brechts!
Sie übergeben Janno der SS:
Zum Galgen führen sie ihn jetzt,
zum Galgen führen sie ihn jetzt.

Musik: Mikis Theodorakis
(Gesang: Susanne Lichtenberg)

HANNA:
Alexander Kulisiewicz: „Exekution“, geschrieben 1942

Am Haken hängt ein Fetzen Mensch;
die Augen treten trotzig aus den Höhlen
und leuchten noch – wie zwei Knöpfe ...

Der Hals ist schlüpfrig, gelb und lang,
die Beine bestialisch geschlagen –
wo bist du, menschliches Erbarmen?

Und niemand schreit: Ecce homo!
Die Morgensonne scheint weiter,
niemanden wird die Erde verschlingen.

Einsam hängt ein Fetzen Mensch ...

JULIANE:
Alexander Kulisiewicz: „Der Hunger“, geschrieben 1945

Tausende, Tausende von Stunden habe ich verschlungen ...
meine Gedärme röcheln den rebellischen Marsch,
in den Bäuchen verbreite ich niedrigen Neid
und presse heiße Tränen heraus.
Ihr werdet mich anwinseln
und den fettigen Tisch ablecken;
alles werdet Ihr hingeben,
euch verkaufen,
nichtswürdig:
denn ich bin der HUNGER.

WOLTER:
In diesen Gedichten wird die Kraft der Literatur deutlich, von der Schiller zutiefst überzeugt war. Man könnte meinen und hoffen, dass die intensive Beschäftigung mit Literatur, insbesondere mit der der griechischen Klassik, gefeit machte gegen Gedanken des Inhumanen. So gesehen, hätte insbesondere das Bildungsbürgertum des 19. und 20.Jahrhundert eine Barriere bilden müssen gegen Ideologien der Barbarei und des Totalitarismus. In seiner letzten großen Erzählung „Vater eines Mörders“ zeigt Alfred Andersch aber, dass diese Hoffnung zu kurzschrittig gedacht ist. Er schildert darin ein persönliches Erlebnis im Jahre 1928: Es geht um eine Griechisch-Stunde bei seinem Schuldirektor, die in der Folge Anderschs schulische Existenz zerstört, weil der Direktor ihn vor aller Augen demontiert: denn dieser Schüler beherrscht – eine Ungeheuerlichkeit - die griechische Grammatik nicht! Am Ende der Erzählung nennt Andersch diesen Direktor des Wittelsbacher Gymnasiums in München beim Namen: Er heißt Himmler und ist der Vater eben des Heinrich Himmler, der später für den industriellen Massenmord in den Konzentrationslagern verantwortlich sein wird.

BLÄNSDORF:
„Angemerkt sei (...), wie des Nachdenkens würdig es doch ist, dass Heinrich Himmler, - und dafür liefert meine Erinnerung den Beweis- nicht, wie der Mensch, dessen Hypnose er erlag, im Lumpenproletariat aufgewachsen ist, sondern in einer Familie aus altem, humanistisch fein gebildetem Bürgertum. Schützt Humanismus denn vor gar nichts? Die Frage ist geeignet, einen in Verzweiflung zu stürzen.“

HANNA:
Geneviève de Gaulle-Anthonioz hat in ihren Aufzeichnungen über ihre Zeit im KZ Ravensbrück einen Bericht geschrieben. Sie macht darin die Kraft der Phantasie in nahezu hoffnungsloser Situation deutlich. Eines Tages kam sie in den besonderen Vollzug, in eine eigene Zelle.

SVENJA:
„Die Suppe ist die gleiche wie im Lager, genauso schlecht, aber di-cker. Eines Tages finde ich ein Stückchen Fleisch darin und breche in Tränen aus; ich schäme mich.
Ich weine auch, als ich nach einem kurzen Spaziergang wieder in meine Zelle komme. Die Aufseherin führt mich in einen kleinen Innenhof, wo ich den blaugrauen Himmel sehe. Die Luft riecht nach Schnee, die ersten Flocken fallen um mich her, als ich aufgefordert werde, zurückzukehren, zurück in die bedrückenden Mauern meines Gefängnisses, sein Dämmerlicht, seine Stille. Ich schließe die Augen und sehe vor mir, inmitten eines dunklen Waldes, einen großen, ruhigen See. Seine Ufer sind nackt und steil. Kein Schilf, keine Be-wegung auf dem Wasser. Kein Vogel. Fasziniert gehe ich gefährlich nahe heran. Eine kräftige Hand hält mich im letzten Moment zurück. Und plötzlich erfüllt mich ein großer Frieden. Wie gerne würde ich ihn teilen! Das Salve Regina fällt mir ein: Die Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Wonne und unsere Hoffnung, hat ihren Blick diesen Ärmsten zugewandt.(...) Ich flehe um ihr Erbarmen für jene, die ganz in meiner Nähe von Angst und Tod heimgesucht werden und von denen ich nichts mehr weiß. Zum ersten Mal seit dem 28.Oktober fühle ich mich weniger getrennt von ihnen.“

JULIANE:
Aber nicht nur die Phantasien der Literatur, auch die Phantasien der Musik spielten eine Rolle. Und auch hier gelang es den Tätern, Kunst zu pervertieren. In Buchenwald gab es ein Orchester aus dazu abkommandierten Gefangenen. Auch im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurde ein solches Orchester etabliert. Dort bestand es aus jungen Frauen aus Deutschland, Polen und anderen europäischen Ländern. Aus einer eitlen Laune des Lagerkommandanten heraus sollte es zur Aufheiterung der Häftlinge dienen und ebenso zur Erbauung der Mörder. Die Frauen, zum größten Teil Laienmusikerinnen, mussten täglich 8 Stunden üben, damit sie eine hohe Leistung erbringen konnten. Sie spielten für ihre Mitgefangenen, wenn diese am Lagertor ein- und ausmarschierten, und an der Rampe bei der Ankunft von Deportationszügen. Als größte Erniedrigung empfanden sie es, wenn sie bei offiziellen Anlässen, beispielsweise bei Besuchen von hohen SS-Offizieren, aufspielen mussten.
Die Musikerinnen spielten alles, was von ihnen verlangt wurde; sie wussten: ihr Leben hing davon ab. Fiel eine von ihnen wegen Krankheit aus, war das oft gleichbedeutend mit ihrem Tod im Gas.

DOMINIQUE:
Fania Fenélon war eine dieser Frauen; sie war die zeitweise Leiterin des Mädchenorchesters von Auschwitz und hat davon berichtet:

HANNA:
„Die Eisenbahnlinie vor unserer Tür ist ein schreckliches Unding. Das hätten sie nie tun dürfen. Sie hätten unseren Block, die Musik, respektieren müssen! Die Züge machen mich nervös. Wenn ich wie Ihr zuschauen würde, wie die Leute aus den Waggons steigen – bereit zu sterben – dann könnte ich nie ein Orchester leiten! Ich bin gestern Morgen während der Ankunft eines neuen Zuges in meinem Raum geblieben; aber Ihr habt zugeschaut“.

JULIANE:
„Ja, wir hatten den Mut, da zuzuschauen, und wir waren wie vor den Kopf gestoßen. Dreiviertel der Leute waren tot, mit Schaufeln hat man sie aus den Güterwagen gezogen, mit Holzschippen – wie für’s Brot! Die kleinen Kinder rannten und schrien „Mama!“ „Oma!“ Uns hat es das Herz zugeschnürt, und ich habe zugeschaut, zugeschaut um zu sehen und nicht zu vergessen.“

DOMINIQUE:
Fenélon berichtet, dass die Spielerinnen in der Erkenntnis, jeden Tag um ihr Leben spielen zu müssen, immer mehr abstumpften und auch bei den absurdesten Situationen völlig emotionslos wurden:

„Der Gestank ist unerträglich. In meinen Mantel, dieses unschätzbare Kleinod, gewickelt, gehe ich vor die Tür. Ich muss atmen, mich hinlegen, Luft bekommen, schlafen! Der Boden ist kalt und schlammig, ich gehe vor mich hin. Da liegt ein Berg Leichen, sauber aufeinandergeschichtet, einem Heuhaufen ähnlich, gestapelt wie im Getreidespeicher. Die Krematorien sind überfüllt, also schichtet man die Leichen im Freien auf. Ich klettere hinauf wie auf einen Berg; oben lege ich mich hin und schlafe ein. (…) Einige Tage später habe ich Typhus.“
Und dann, für einige: Die Befreiung:
„(…) Die SS hatte die Order ausgegeben, uns zu vernichten, das Lager zu verbrennen. Am 15.April 1945 um fünfzehn Uhr sollten wir erschossen werden. – - - - Die Tommys kamen um elf!“

BLÄNSDORF:
Jakobos Kambanellis: Wenn der Krieg vorüber ist

Du Mädchen mit den verweinten Augen,
du Mädchen mit den eiskalten Händen,
wenn der Krieg vorüber ist, vergiss mich nicht;
wenn der Krieg vorüber ist, vergiss mich nicht;
Du Freude der Welt, komm an das Tor,
dass wir uns auf der Straße umarmen,
dass wir uns auf dem Platz dann küssen.

Wie schön ist meine Liebste,
verwöhnt von ihrer Mutter
und von den Küssen des Bruders.
Niemand hat je gewusst, dass sie so schön ist!
Musik: Mikis Theodorakis
(Gesang: Susanne Lichtenberg)

WOLTER:
Wenn von Musik im KZ die Rede ist, muss auch von folgender sonderbaren Begebenheit gesprochen werden: Am 14.Mai 1942 wurden ein Spinett aus dem Hause Schillers sowie sein berühmter Schreibtisch in das Konzentrationslager Buchenwald transportiert. Der Grund: Mittlerweile war klar, dass auch Weimar Ziel für alliierte Bomben werden konnte, und man wollte vorsichtshalber die Original-Möbel aus seinem Haus entfernen und durch täuschend echte Kopien ersetzen. Mitten im Lager Buchenwald, in unmittelbarer Nähe zur Massenlatrine, zum Krematorium und zum Hinrichtungskeller, ist der Sitz einer Firma, die für solche Arbeiten Gerät und Hunderte von Spezialisten hat, Häftlinge des KZ: Die „Deutsche Ausrüstungswerke GmbH“. Stadtoberbaurat Lehrmann am 1.Dezember 1943 an die DAW GmbH Weimar, Sitz Buchenwald:

DOMINIQUE:
„Ich möchte die Gelegenheit nicht versäumen, Ihnen für die gediegenen Arbeiten und die Kopien aus dem Sterbezimmer von Schiller bestens zu danken. Gleichzeitig möchte ich darüber hinaus den Leistungen der Deutschen Ausrüstungswerke erste Anerkennung aussprechen.“

WOLTER:
Ist die Sprache Schillers, die deutsche Sprache, mit der er so furios umging, durch die Tatsache beschädigt, dass sie später von den Nazi-Mördern vereinnahmt wurde, ja, dass er von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde?

BLÄNSDORF:
Joseph Goebbels bezeichnet in seiner Festrede zum 175.Schiller-Geburtstag, der 1934 in Anwesenheit Hitlers im Weimarer Nationaltheater mit großem Pomp gefeiert wird, Schiller als „Kampfgenossen Hitlers“ und reklamiert ihn für seine Ideologie als „bewundernswerten Gestalter deutscher Kraft und dichterischer Gnade. (...) Er war einer der Unseren, Blut von unserem Blut und Fleisch von unserem Fleisch“.

WOLTER:
Mitte der 70er Jahre hatte ich in Israel eine Begegnung mit zwei Überlebenden des Holocaust, deutsche Juden aus Königsberg. Viele ihrer Freunde, ebenfalls den KZs Entkommene, könnten und wollten seit der Befreiung kein deutsches Wort sprechen und hören, so berichteten sie; ein Schock für mich - ich hatte gerade mein Germanistik-Studium aufgenommen. Meine Sprache war also beschädigt...?!
... Sie war, wie der jüdische Dichter Paul Celan formulierte, hindurchgegangen durch die „Tausend Finsternisse todbringender Reden“. Der in Rumänien geborene Celan schrieb seit 1945 Gedichte, in seiner deutschen Muttersprache - in der Sprache, die ihm seine Mutter ans Herz gelegt hatte - in der Sprache derer, die seine Mutter ermordet hatten. Im Folgenden liest Paul Celan in einer historischen Aufnahme von 1953 seine „Todesfuge“, geschrieben 1945, in der erstmals nach dem 2.Weltkrieg die Hölle von Auschwitz in einem Gedicht thematisiert wird. Die Schwarz-Weiß-Bilder dazu zeigen Insassen von Buchenwald im Augenblick der Befreiung, die Farbbilder zeigen Weimarer Bürger, die von den amerikanischen Befreiungssoldaten gezwungen wurden, das am 11.April 1945 befreite KZ Buchenwald anzusehen. [Film wird auf Leinwand projiziert; Tonaufnahme HIER]



Todesfuge.
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne und er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor lässt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr anderen singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süsser den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

SVENJA:
Die Bewohner von Weimar behaupteten später vielfach, sie hätten von der Existenz des KZ Buchenwald gar nichts gewusst. Joseph Roth, der österreichische Schriftsteller, war vor den Nazis nach Paris geflohen und schrieb kurz vor seinem Tod im Mai 1939 in bitterem Ton:

BLÄNSDORF:
„Fürwahr! Man verbreitet falsche Nachrichten über das Konzentrationslager Buchenwald - man möchte sagen: Greuelmärchen. Es ist, scheint mir, an der Zeit, diese auf das rechte Maß zu reduzieren. An der Eiche, unter der Goethe mit Frau von Stein gesessen hat und die dank dem Naturschutzgesetz noch wächst, ist bis jetzt, meines Wissens, noch kein einziger der Insassen des K-Lagers angebunden worden -- ; vielmehr an den anderen, denen es in diesem Wald am Lager nicht mangelt.“

DOMINIQUE:
Es gibt viele Einzelschicksale in dieser Zeit. Eines davon gehört der jungen jüdischen Französin Louise Jacobsen. Louise Jacobsen wurde 1924 in Paris geboren. Am 31.August 1942 wurde sie mit 17 Jahren inhaftiert, da sie in der elterlichen Wohnung keinen Judenstern trug. Im Februar 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Bei der Selektion durch die SS musste Louise ihren Beruf angeben. Irma, eine Freundin und Diplomchemikerin gab ihr den Rat: „Sag, du bist Chemikerin!“ Louise aber antwortete wahrheitsgemäß: „Schülerin!“ Irma kam nach rechts. Sie hat überlebt. Louise nach links: In die Gaskammer. Vor ihrer Deportation nach Auschwitz, noch im Gefängnis, hatte sie Gelegenheit, zahlreiche Briefe an ihre Schwester, ihren Vater und ihre Freundinnen zu schreiben. Diese sind voller Liebe zu ihren Mitmenschen trotz ihrer aussichts- und hoffnungslosen Situation. In ihrem letzten Brief heißt es: „ Ich habe traurige Nachrichten, lieber Papa. Nach meiner Tante bin ich an der Reihe fort zu gehen. Aber das macht nichts, ich bin zuversichtlich.(...) Das ist alles ein böser Albtraum und wird irgendwann vergessen sein...“

WOLTER:
Der Schriftsteller Jorge Semprun, eingeliefert nach Buchenwald 1944 mit der Häftlingsnummer 44.904, einer der Überlebenden von Buchenwald, später spanischer Minister, hat 1995 in seinem Bericht „Schreiben oder Leben“ von einer Begebenheit unmittelbar nach der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner erzählt. Zusammen mit Albert, einem weiteren Häftling, ging er noch einmal in das so genannte „Kleine Lager“, das bereits geräumt war und in dem sich nur noch die Toten befinden sollten. Plötzlich hörten sie ein Kaddisch, ein jüdisches Totengebet:

BLÄNSDORF:
„Albert ist bleich geworden. Er hat gelauscht, hat mich am Arm gepackt, dass es wehtat, plötzlich ganz aufgeregt. Jiddisch! Er spricht jiddisch! (...) Wir machen ein paar Schritte im Mittelgang, wir bleiben stehen. Wir lauschen, versuchen festzustellen, woher die Stimme kommt. (...) Albert stürzt zu der Pritsche, aus der das singende Röcheln kommt. Zwei Minuten später haben wir aus dem Leichenberg den Sterbenden gezogen, aus dessen Mund der Tod uns sein Lied singt. Vielmehr sein Gebet.“

Ein jiddisches Lied von Mordechaj Gebirtig mit der Musik von Emil Gorovets: „Gehat hob ich a hejm“:
„Gehabt hab ich ein Heim“
Gehabt hab ich ein Heim, ein warmes Stückchen Raum,
ein bisschen Wirtschaft, wie bei armen Leuten.
Verbunden wie Wurzeln mit einem Baum
bin ich mit meinem bisschen Armut.

Gekommen sind sie mit Feindschaft, Hass und Tod.
Mein armes Stückchen Heim, wie ich es vermochte,
was ich mit schwerer Mühe hab jahrelang gebaut,
vernichtet haben sie es in einem Tag.

Gehabt hab ich ein Heim, ein Stübchen und eine Küche,
und still gelebt so jahrelang,
hatte viele gute Freunde, Kameraden um mich,
ein Stübchen voll mit Liedern und Gesang.

Gekommen sind sie, wie kommen würde eine Pest,
herausgejagt aus der Stadt mit Frau und Kind,
geblieben ohne Heim wie Vögel ohne Nest,
nicht wissend, warum, für welche Sünde?

Gehabt hab ich ein Heim, jetzt hab ich es nicht mehr.
Ein Spiel gewesen ist für sie mein Untergang –
Ich such jetzt ein neues Heim, nur schwer – oh sehr schwer,
und ich weiß nicht, wo – und ich weiß nicht, auf wie lang.

(gesungen von Susanne Lichtenberg in jiddischer Sprache)

BLÄNSDORF:

Emil Gorovets (Text und Musik): „Doss lidl fun goldem land“: Das Liedchen vom goldenen Land

Oh, nimm, guter Spieler, deine Fiedel in die Hand
und spiel mir dies Liedchen vom goldenen Land.
Früher hat meine Mutter mit Herz und Gefühl
mir dieses Liedchen gesungen. Oh spiel es mir, spiel!

Und hör ich dies Liedchen, dann schwebt vor mir bald
meine teure Mutter, ihre liebliche Gestalt;
ihr herzliches Lächeln, ihr zärtlicher Blick –
dies bringt mir zurück mein vergangenes Glück.

Und hör ich das Lied, den süßen Gesang,
dann wird es in meinem Herzen schwermütig bang,
und ich will wie meine Mutter das Lied mit Herz und Gefühl singen.
... Oh spiel es mir, spiel!

(gesungen von Susanne Lichtenberg in jiddischer Sprache)

WOLTER:
Wir begehen am 8. Mai den Jahrestag der Befreiung vom nationalsozialistischen Terrorsystem, das plante, Europa durch kriegerische Eroberung und unter dem Vorzeichen einer menschenverachtenden Ideologie unter eine gemeinsame Herrschaft zu zwingen. Und wir gedenken am 9.Mai eines unserer größten Dichter, eines wahren Europäers, verehrt in ganz Europa: Sein Denkmal vor dem Schauspielhaus in Königsberg entging beim Einmarsch der Roten Armee deswegen der Zerstörung, weil ein Rotarmist in kyrillischen Buchstaben darauf geschrieben hatte: „Nicht beschießen! Dies ist ein Künstler!“ Dieser Europäer Schiller schrieb eine Ode, die in der kongenialen Vertonung durch Beethoven zur europäischen Hymne geworden ist: Ursprünglich sollte sie „Freiheit, schöner Götterfunken“ heißen:

BLÄNSDORF:
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum !
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt ;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

WOLTER:
Der Schrecken des Holocaust und der Schrecken der Bombennächte, der auf jene zurückfiel, aus deren Mitte das Unheil seinen Anfang nahm, ergeben einen engen Zusammenhang. Beispiel die Stadt Magdeburg:

BLÄNSDORF:
„Jetzt erhob sich ein Sturmwind, der die Flammen mit reißender Schnelligkeit durch die ganze Stadt verbreitete und den Brand allgemein machte. Fürchterlich war das Gedränge durch Qualm und Leichen, (...) durch stürzende Trümmer. Die Atmosphäre kochte.“

WOLTER:
Eine Beschreibung zum Feuertod in der Stadt Magdeburg - aber nicht aus dem Jahre 1944, sondern von Friedrich Schiller, aus der „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“ – ein Menetekel.

Morgen wird in Hamburg, in Neuengamme, auf dem rekonstruierten Appellplatz die jetzt neu gestaltete Gedenkstätte für das KZ Neuengamme eröffnet. Bis zu dieser nun wirklich würdigen Gedenkstätte war es ein langer Weg aus Verschweigen, Halbherzigkeiten und fragwürdigen Umnutzungen, und noch gerade rechtzeitig konnten einige hundert Davongekommene, dem Lager Entkommene erleben, dass Hamburg der vielen Toten würdig gedenkt. Diese Gedenkstätte ist für uns von großer Bedeutung. Auch Neuengamme ist eine „unserer Ortschaften“.
Der 8. und der 9. Mai, die Nähe zwischen Buchenwald und Weimar, sind für uns die Mahnung, zu bedenken, dass auf deutschem Boden beides möglich war: das entschiedene und mitreißende Bekenntnis zu Freiheit und Humanität, aber auch ein Verbrechen unvorstellbaren Ausmaßes. Die Erinnerung daran muss Bestandteil unserer fortdauernden nationalen Identität bleiben, oder, mit dem bekannten Wort von George Santayana: „Die sich des Vergangenen nicht erinnern, sind verurteilt, es noch einmal zu erleben.“

Caroline von Wolzogen, die Schwägerin Schillers, hat einen Bericht über die Sterbe-Stunde Schillers am 9.Mai 1805 hinterlassen. Danach lag auf seinem Schreibtisch ein Blatt mit einem Gedicht-Entwurf: Die höchstwahrscheinlich letzten Zeilen, die Schiller an seinem Schreibtisch in der Mansarde zu Weimar geschrieben hat. Dieses Gedicht bricht plötzlich ab, ohne Satzzeichen:

BLÄNSDORF:
„Ich habe nichts als mein Gebet und Flehn,
Das schöpf ich glühend aus der tiefsten Seele,
Das send ich gläubig in die Himmelshöhen,
Wie eine Heerschar send ich Dirs entgegen,
Heerscharen send ich mächtig Dir entgegen,
Der Mutter Tränen und der Mutter Sorge,
Das send ich hinauf in alle HimmelsHöhen.
Send ich wie eine Heerschar Dir entgegen!
Die Tränen alle, die ich nächtlich weine …“

[Ende mit Klezmer-Musik, Solist: Julian.- Die Musik bricht plötzlich ab ...]


Die Akteure

Verwendete und zitierte Literatur

Adorno, Theodor W.:Kulturkritik und Gesellschaft – Gedichte nach Auschwitz (1951)
Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz, in: Stichworte, Ffm 1969
Andersch, Alfred: Der Vater eines Mörders. Zürich 1980
Celan, Paul: Todesfuge
de Gaulle-Antonioz, G.: Durch die Nacht, Zürich 1999
Fenélon, Fania: Das Mädchenorchester von Auschwitz, Reinbek 1974
Greiner-Mai u.a. (Hrsg.): Weimar im Urteil der Welt. Berlin/Weimar 1977
Kogon, Eugen: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager. München 1974
Kühn, Dieter: Schillers Schreibtisch in Buchenwald. Ein Bericht. Frankfurt/M 2005
Jacobsen, Louise: Ihr Lieben, weit Entfernten, hrsg. v. Nadia Kaluski-Jacobsen, München 2001
Kulisiewicz, Aleksander: Adresse: Sachsenhausen, Gerlingen 1997
Merseburger, Peter: Ein sehr deutscher Ort. In: Roman Soukup, Weimar - Ein Mythos. Weimar 1999
Merseburger, Peter: Mythos Weimar. Zwischen Geist und Macht. Stuttgart 1998
Safranski, Rüdiger: Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus, München/Wien 2004
Schiller, Friedrich: Don Carlos. In: F.S., Sämtliche Werke in 5 Bänden, München (Hanser) 2004
Schiller, Friedrich: Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung, ebd.
Schiller, Friedrich: Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, ebd.
Schiller, Friedrich: Wallensteins Lager, ebd.
Schiller, Friedrich: Was kann eine gut stehende Schaubühne eigentlich wirken? ebd.
Semprun, Jorge: Schreiben oder Leben. Frankfurt/M. 1995
Wagner, Rainer: Weimar. Kassel 1992
Weiss, Peter: Meine Ortschaft. In: K.Wagenbach (Hrsg.): Atlas, zusammengestellt von deutschen Autoren, Berlin 1965, S.26ff

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KOMMENTAR AUF DER HOMEPAGE DER WICHERN-SCHULE:


Buchenwald über Weimar – ein Versuch zum Schillerjahr

Nach einer begeisternden Aufführung und Lesung im Gymnasium Rahlstedt hat Herr Zörnig Peter Blänsdorf und seine Schülerinnen und Schüler eingeladen, doch auch bei uns einen Abend „Unsere Ortschaften: Buchenwald (üb. Weimar) – ein Versuch zum Schiller-Jahr und zum 60. Jahrestag des Kriegsendes“ darzubieten. Am 7. September folgten die Zuhörer im Andachtsraum dann Texten von F. Schiller, A. Andersch, P. Celan, J. Semprun und anderen sowie dem Liederzyklus „Mauthausen“ von Mikis Theodorakis.

Frau Dr. Schröter war begeistert:

„Bei strahlendem Spätsommerwetter war ein eher kleines, aber hoch motiviertes Publikum der Einladung in den Andachtsraum der Wichern-Schule gefolgt – und es wurde nicht enttäuscht. Die Kollegen aus dem Gymnasium Rahlstedt hatten zusammen mit Schülerinnen und Schülern der 11. Klassen eine eindrucksvolle literarische und musikalische Reflexion zum Schillerjahr erarbeitet, die am Beispiel Buchenwalds den Bogen von der deutschen Klassik über Täter und Opfer der national-sozialistischen Konzentrationslager bis hin zur antifaschistischen Nachkriegszeit spannte. Die Aussagen der sensibel vorgetragenen Texte und Lieder schufen eine intensive und dichte, anrührend persönliche Atmosphäre, der sich wohl niemand im Publikum zu entziehen vermochte.

Mehrfach klang an diesem Abend die – aus literarischer Sicht gestellte - Frage an, wie es geschehen konnte, dass in der NS-Zeit das humanistisch geprägte Bürgertum kaltblütige Massenmörder und ihre Mitläufer hervorbrachte: Wenn klassische Bildung, eine Erziehung im Sinne von Schillers Aufklärung und Freiheitsdrang, nichts bewirkt – was dann? An dieser Stelle wünschte ich mir, eine solche Veranstaltung würde als Impuls und als „außerunterrichtlicher Lernort“ genutzt, gestaltet von Schülern für Schüler (und die interessierte Schulöffentlichkeit!). So wäre die oben gestellte Frage hervorragend geeignet, von und mit Schülerinnen und Schülern in der gemeinsamen Unterrichtsarbeit weiter verfolgt zu werden, insbesondere in fachübergreifender Perspektive. Die Geschichtswissenschaft beispielsweise hat hierzu intensiv geforscht und Interpretationsmuster gefunden.

Schließlich: Auch aus unserer Arbeit an der Wichern-Schule erwachsen zahlreiche anspruchsvolle und zugleich spannende Projekte, deren Ergebnisse in den Austausch zwischen Schulen einfließen und in noch höherem Maße als bisher eine breitere Öffentlichkeit ansprechen könnten. Auch dazu könnte uns der Schillerabend als Anregung dienen. (Dr. Verena Schröter)




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